Kinderwunsch

Der Mythos des mehrfachen Eisprungs

„Kann man spontan zu verschiedenen Zeiten im Zyklus einen Eisprung haben?“

Diese Frage wird häufig gestellt, und die Antwort lautet zum Glück nein. Unser Fortpflanzungssystem verhindert aktiv, dass wir innerhalb eines Menstruationszyklus einen mehrfachen Eisprung haben.

Die Hormone steuern den Zyklus und verhindern mehrfache Eisprünge

Der Eisprung ist ein Ereignis, das eintritt, wenn eine reife Eizelle aus dem Follikel, der sie beherbergt, herausspringt (und gleichzeitig auch aus dem Eierstock herausspringt). Die menschliche Eizelle hat eine Lebensdauer von 12-24 Stunden, in denen die Möglichkeit besteht, dass eine zweite oder dritte Eizelle freigesetzt wird – auf diese Weise werden zweieiige Zwillinge/Drillinge gezeugt. Auch wenn in diesen 24 Stunden mehrere Eizellen freigesetzt werden können, wird dies als ein einziger Eisprung betrachtet. Die Lebensdauer der menschlichen Eizelle bedeutet, dass eine Frau in jedem Menstruationszyklus höchstens 48 Stunden lang fruchtbar ist (die Lebensdauer der Spermien ist dabei nicht berücksichtigt).

Der Eisprung selbst findet etwa 24-36 Stunden nach dem Anstieg eines Hormons, des luteinisierenden Hormons (LH), statt.

Dieser LH-Schub wird freigesetzt, wenn der dominante Follikel groß genug ist, um einen Spitzenwert an Östrogen abzusondern. Die Spitzenwerte des Östrogens gelangen über den Blutkreislauf zum Hypothalamus und veranlassen diesen zur Ausschüttung von GnRH (Gonadotropin-Releasing-Hormon), das die Hypophyse zur Abgabe des LH-Schubs veranlasst, der den Eisprung auslöst.

Mehrfache Eisprünge pro Zyklus können bei Frauen nicht vorkommen

Nach der Freisetzung der Eizelle entwickelt sich der Follikel, in dem sie sich befand, zum Gelbkörper – einer endokrinen Drüse mit einem Durchmesser von etwa 2-5 cm, die das Hormon Progesteron absondert.

Progesteron hat eine hemmende Wirkung auf den Hypothalamus – es stoppt die Freisetzung von weiterem GnRH, was wiederum bedeutet, dass die Hypophyse kein weiteres LH mehr ausschütten wird. Das bedeutet, dass die Hypophyse selbst dann, wenn sich nachfolgende Follikel zu einer Größe entwickelt haben, die groß genug ist, um Spitzenwerte an Östrogen zu produzieren, nicht in der Lage ist, deren Freisetzung auszulösen, da sie kein weiteres LH ausschütten kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Eierstöcke nach dem Eisprung und der Bildung des Gelbkörpers keine weiteren Eizellen mehr freisetzen können, da das Progesteron im Blutkreislauf die LH-Sekretion der Hypophyse hemmt. Einen sehr ausführlichen Bericht zu dem Zusammenspiel der weiblichen Hormone im Zyklusverlauf liest du hier.

Woher kommt dann der Mythos?

Der weitverbreitete, aber falsch informierte Glaube, dass eine Frau innerhalb eines Zyklus mehrere Eisprünge haben kann, geht auf einen journalistischen Beitrag mit dem Titel „Women can ovulate more than once a month“ von Gaia Vince zurück, der im Juli 2003 im NewScientist veröffentlicht wurde. (Du findest den Artikel hier).

In dem Leitartikel zitiert Vince eine wissenschaftliche Studie mit dem Titel „A new model for ovarian follicular development during the human menstrual cycle“ (Ein neues Modell für die Entwicklung der Eierstöcke während des menschlichen Menstruationszyklus) der kanadischen Forscher A.R. Baerwald, G.P. Adams und R.A. Pierson. Leider hat Vince die tatsächlichen wissenschaftlichen Ergebnisse der Studie – wahrscheinlich aus Gründen der Sensationslust der Medien – in eklatanter Weise falsch wiedergegeben.

Die Ergebnisse der Studie wurden so missinterpretiert (nicht nur von Vince, sondern auch von vielen anderen Nachrichtenagenturen), dass der leitende Forscher Roger Pierson gezwungen war, einem Interview mit der Universität von Saskatchewan zuzustimmen, um die Verwirrung aufzuklären. Das Interview, das von den campuseigenen Nachrichten der Universität Saskatchewan veröffentlicht wurde, trug den Titel „A cautionary tale about research that touches a nerve“. Darin wird Pierson mit den Worten zitiert: „In dieser Geschichte wurde behauptet, dass Frauen zwei- oder dreimal im Monat ihren Eisprung haben, und das ist einfach nicht wahr.

Es stellt sich heraus, dass Piersons Studie das bestehende Wissen unterstützt, dass eine Frau einen einzigen Eisprung pro Menstruationszyklus erlebt. Es wurde jedoch festgestellt, dass es während des Menstruationszyklus mehrere Wellen des Follikelwachstums gibt (während man früher annahm, dass es nur eine Welle des Follikelwachstums gibt). Journalisten auf der ganzen Welt beschlossen, den Begriff „mehrere Wellen des Follikelwachstums“ durch „mehrere Eisprünge“ zu ersetzen – zwei völlig unterschiedliche Begriffe!

Wie Pierson in seinem Interview mit der Universität von Saskatchewan darlegt, ist es nur die letzte Welle des Follikelwachstums im Eierstock, die tatsächlich zum Eisprung führt – was bedeutet, dass Frauen tatsächlich nur einen Eisprung pro Menstruationszyklus erleben.

Dennoch sorgen die unterschiedlichen Wellen des Follikelwachstums während des Zyklus dafür, dass Ovulationstest bei Frauen in einem Zyklus mehrfach deutlich positiv sind, obwohl nicht jedes Mal ein Eisprung stattfindet.

Aber was ist mit der Superfötation?

Wenn du noch nie etwas von Superfötation gehört hast, kann ich dir das nicht verübeln – sie tritt selten auf (insgesamt wurden in der Weltgeschichte nur etwa zehn Fälle gemeldet), und die wissenschaftliche Gemeinschaft vertritt im Allgemeinen die Auffassung, dass weitere Forschungen erforderlich sind, um ihre Existenz beim Menschen entweder endgültig zu beweisen oder zu widerlegen. Als Superfötation bezeichnet man den Zustand, in dem ein Tier mit einem anderen Nachkommen schwanger wird, während es bereits trächtig ist. Dies führt dazu, dass die Mutter zwei Nachkommen in sich trägt, die sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden.

Superfötation kommt bei Menschen so gut wie nie vor

Eine Theorie für den Mechanismus der Superfötation ist, dass einige Frauen abnorm hohe FSH-Spiegel (follikelstimulierendes Hormon) haben, die der hemmenden Wirkung von Estradiol, Progesteron und Inhibin A in den ersten Tagen/Wochen nach der Einnistung widerstehen können. Eine andere Theorie besagt, dass manche Frauen eine einzigartige endokrine Reaktion auf die Einnistung des Embryos haben, die zu einem zu niedrigen Östradiol-, Progesteron- und Inhibin-A-Spiegel führt, der die Freisetzung von FSH und LH aus der Hypophyse hemmt. Beide Szenarien können zu einem Eisprung führen, nachdem die Schwangerschaft bereits eingetreten ist.

Schlussfolgerung? Die Superfötation ist wissenschaftlich noch nicht endgültig bewiesen, und selbst wenn sie bestätigt werden sollte, ist sie ein äußerst seltenes Ereignis, das nur bei schwangeren Frauen auftritt.

Quellen:
Unpredicted ovulations and conceptions during early pregnancy: an explanatory mechanism of human superfetation
A review of the mechanisms and evidence for typical and atypical twinning
A new model for ovarian follicular development during the human menstrual cycle

Annika

Juhu, ich bin Annika, ich bin frische 34 Jahre alt, verheiratet und Mama von zwei wundervollen Söhnen (2019 & 2021), die nach einer langen Kinderwunschzeit ihren Weg zu uns gefunden haben. Während dieser Zeit habe ich mir viel Fachwissen im Bereich der Frauengesundheit angeeignet. Darüber hinaus habe ich Fortbildungen im Bereich Kinderernährung und Kindermotorik absolviert. Das dadurch erworbene Wissen möchte ich gerne in meinem Blog mit euch teilen. Mehr Informationen zu mir findet ihr hier.

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